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Demografie und Gesundheit: Personalarbeit mit Achilles und Mentor

von Anja Moos
M.A., Trainerin, Systemischer Coach und Mediator

Anja Moos

Deutsche Arbeitgeber erleben zunehmend Fachkräftemangel. Industrie 4.0 und Zuwanderung werden diesen Trend nicht aufhalten. Da sind Achilles und Mentor gefragt.

Die Deutschen werden immer älter. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben spitzt sich der Fachkräftemangel zu. Industrie 4.0 wird laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) diese Entwicklung nicht stoppen: Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Dienstleistungs- oder MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sowie für Informations- und Kommunikationstechnologie wird steigen, aber einfache Tätigkeit fallen weg.(1) Schon jetzt fahren in Dänemark U-Bahnen ohne Lokführer und finden sich in Japans Seniorenheimen Pflegeroboter. Bei Adidas sollen Roboter und 3D-Drucker zukünftig dem Kunden individuelle, maßgeschneiderte Schuhe quasi „just-in-time zum Mitnehmen“ bescheren.
  
Die Zuwanderung mag Deutschland laut Institut der Deutschen Wirtschaft Köln verjüngen, löse jedoch den Fachkräftemangel nicht ohne weiteres: Zuwanderer müssten zum Beispiel auch dauerhaft in Deutschland bleiben und über gefragte Qualifikationen verfügen. (2)

Achilles und Mentor stehen daher weiterhin im Fokus der Personalarbeit:

Achilles ist schön, gebildet und schnell - kurz: jung. So wünschen sich Arbeitgeber Auszubildende. Der Held der griechischen Mythologie scheint auch noch unverwundbar - bis Pares‘ Pfeil seine Ferse trifft. Hierin gleicht Achilles den Auszubildenden:

2013 verzeichnete die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM), dass 20 % aller meldepflichtigen Arbeits- und Wegeunfällen Berufstätige bis 25 Jahre betraf.(3) Ursache für die erhöhte Risikobereitschaft Jugendlicher sind u.a. Veränderungen im Gehirn und mangelnde Erfahrungen mit dem Tod Gleichaltriger.(4)

46 % aller vom Wissenschaftlichen Institut der AOK befragten Auszubildenden erleben psychische Beschwerden (Müdigkeit, Lustlosigkeit, Reizbarkeit).(5) Dies soll auch für Berufsanfänger und Studierende gelten: Wie eine aktuelle Untersuchung von Gerlmaier (2016) zeigt, ist das Beanspruchungsniveau bei IT-Berufseinsteigern insgesamt gering. Die psychische Erschöpfung steigt jedoch auf 67 %, wenn in dieser Phase erste Verantwortung für Projekte oder Fachgebiete übernommen werden. Auch die Doppelbelastung „Arbeit und Studium/Promotion“ führt bei 46 % zu starker Erschöpfung. Hier kann und muss der Gesundheitsschutz im Betrieb vorbauen. Und da kommt Mentor ins Spiel:

Mentor ist ein alter Freund und Gefährte von Odysseus. Als dieser in den trojanischen Krieg zieht, vertraut er dem Mentor die Erziehung seines Sohnes an. Mentor erweist sich im Weiteren als väterlicher Freund, kluger Berater und achtsamer Beschützer - vielleicht gerade weil sich seiner Gestalt manchmal Pallas Athene bemächtigt. Die Göttin steht ja für Weisheit, Strategie, (Kampfes-/Handwerks-)Kunst.

Im Anschluss an diese griechische Mythologie avanciert der Name ab dem 19. Jahrhundert zum Personalentwicklungsinstrument: Eine erfahrene Person (Mentor) unterstützt eine noch unerfahrene Person (Mentee, Protegé) „mit Rat und Tat“ bei seiner Karriere. Die Bedeutung des älteren, väterlichen Freundes eines jungen Menschen wird jedoch in den letzten Jahren zusehends aufgeweicht: Mittlerweile gelten auch Gleichaltrige und Gleichgestellte als Mentoren von Auszubildenden bzw. dualen Studenten, wenn sie aufgrund etwas längerer Betriebszugehörigkeit über mehr Erfahrung als ihr Mentee verfügen. Damit verschwimmt nicht nur die Abgrenzung zu Personalentwicklungsinstrumenten wie „Tandem“ oder „Pate“.(6)

Mentoring wird des sogenannten „Einführens“ sowie des betriebsspezifischen und/oder historischen Wissenstransfers beraubt. Letzteres ist nach Bekunden mancher Personalverantwortlichen nur recht. In meiner Arbeit mit Studenten zeigt sich auch, dass einige derartiges Peer-Mentoring bevorzugen: Hier könnten auch Fragen gestellt werden, die sie einem väterlichen Freund nicht stellen würden - zum Beispiel, was bei einer bestimmten Veranstaltung anzuziehen und wo dies zu erwerben sei.

Das aber bleibt: Das Mentoring kann aufgrund der Rollen- und Aufgabenklärung sowie der Netzwerkbildung als psychosoziale Unterstützung von Berufsanfängern dienen, Zufriedenheit bringen und insoweit stressreduzierende Wirkung haben. Doch ein Mentoring ist nur so erfolgreich, wie sich auch der Mentee engagiert.(7)

Dieses und weitere demografische Instrumente sowie die Rolle Mentors sind Gegenstand des Symposiums Gesundheit am Arbeitsplatz und des Seminares Demografie - Altern ist Zukunft.

Literatur:

  • Betz, M./Haun, D./Böttcher, M.: Zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung bei Auszubil-denden. In: Badura, B. u.a. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2015. Berlin, Heidelberg 2015: Springer. 143-164.
  • BG ETEM/Sprotte, Ch.: Ein Unfall ändert alles. Köln 10.11.2014.
  • Geis, W./Nintcheu, J. M./ Vogel, S.: Fachkräfte für Deutschland. Potenziale einer gesteuerten Zuwanderung. Köln 15.03.2016: IW Köln. 
  • Gerlmaier, A.: Gesund und innovativ arbeiten in jeder Lebensepisode. In: Gerlmaier, A. u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch lebensphasenorientiertes Personalmanagement. Wiesbaden 2016: Springer Gabler. 35-57.
  • Haghanipour, B.: Mentoring als gendergerechte Personalentwicklung. Wiesbaden 2013: Springer VS.
  • Höher, F.: Vernetztes Lernen im Mentoring.  Wiesbaden 2014: Springer VS.
  • Wolter, M. I. u.a. (2015): Industrie 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft. IAB-Forschungsbericht 08/2015, Nürnberg.  (PDF herunter laden)
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (Hrsg.): Werkheft 01: Digitalisierung der Arbeitswelt.  Berlin 2016. (PDF herunter laden)
  • IW Köln: Flüchtlinge lösen die demografischen Probleme nicht. Köln 20.01.2016: IW Köln. 
  • Raithel, Jürgen: Jugendliches Risikoverhalten. 2., überarb. Aufl., Wiesbaden 2011: VS Verlag für Sozialwissenschaften/Springer Fachmedien.
  • Stöger, H./Ziegler, A.: Wie effektiv ist Mentoring? In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Jg. 7, Nr. 2 (2012). 131-146. 

(1) Vgl. Wolter u.a. (2015) und BMAS (Hrsg.) (2016).
(2) Vgl. Geis, Wido u.a. (2016) und IW Köln (2016).
(3) Vgl. BG ETEM/Sprotte, Christian (2014).
(4) Vgl. Raithel, Jürgen (2011).
(5) Betz u.a. (2015).
(6) Vgl. Stöger/Ziegler (2012).
(7) Vgl. Haghanipour (2013) und Höher (2014).