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Psychische Belastung schwerbehinderter Menschen

von Jürgen Voß
Diplom-Ökonom, BGM-Berater, Coach und Trainer, DVNLP

Jürgen Voß

Von psychischen Belastungen wird inzwischen viel geredet. Was sind eigentlich psychische Belastungen? Wann und wo sind wir ihnen ausgesetzt? Sind schwerbehinderte Menschen besonders stark psychisch belastet? Welche Belastungen sind das und wie können schwerbehinderte Menschen damit umgehen?

Seitdem der Begriff der psychischen Belastung ausdrücklich in den Gesetzestext des Arbeitsschutzgesetzes aufgenommen worden ist, taucht er immer häufiger auch in den Medien auf. Dabei geht es stets um unsere Arbeitsbedingungen, die jeder Arbeitgeber nach dem Arbeitsschutzgesetz mittels einer Gefährdungsbeurteilung auf die von ihnen ausgehenden Gefährdungen hin zu untersuchen hat. Es ist aber nicht nur unsere Arbeit, die psychische Belastungen auslösen kann.

Auch unsere sonstigen Lebensbedingungen, unsere privaten Lebensverhältnisse, wirken sich psychisch auf uns aus und können uns - wie die Arbeitsbedingungen - gut tun, aber auch stark beeinträchtigen. Schließlich bringen wir selbst persönliche Bedingungen mit, die darüber entscheiden, ob wir in konkreten Umgebungen und Situationen gut zurechtkommen oder es eher schwer haben. Dabei geht es um alle unsere persönlichen Eigenschaften wie Größe, Alter, Geschlecht, Intelligenz, Fähigkeiten usw.. Auch die Schwerbehinderten-Eigenschaft ist solch eine persönliche Bedingung.

Erst im Zusammenspiel von Arbeits-, Lebens- und persönlichen Bedingungen entscheidet sich, wie sehr uns Arbeit und Leben in Anspruch nehmen und das vielleicht so sehr, dass wir gesundheitliche Beeinträchtigungen und Schädigungen davontragen. Geht von den Bedingungen eine positive, gesundheitsfördernde psychische Wirkung aus, kann man auch von Ressourcen sprechen. Diese Ressourcen helfen uns, beeinträchtigende Belastungen zu bewältigen oder zumindest zu kompensieren. Es ist also wichtig, dass sich beeinträchtigende Faktoren und Ressourcen die Waage halten. Ist das in einem Bereich nicht mehr gegeben, z. B. bei der Arbeit, dann wäre es gut, wenn wir uns im familiären Umfeld erholen und neue Kraft tanken können. Manchmal ist es aber auch die Arbeit und die dort gefundene Anerkennung, die uns hilft, private Probleme zu bewältigen.

Diese Zusammenhänge wirken bei behinderten Menschen genauso wie bei Nichtbehinderten. Und doch sind behinderte Menschen und ganz besonders natürlich Schwerbehinderte speziellen psychischen Belastungen ausgesetzt, die der Nichtbehinderte so nicht kennt.

Im Wesentlichen sind es drei Punkte, mit denen sich die psychischen Belastungen behinderter und nichtbehinderter Menschen unterscheiden. Dies sind:

•    Die Behinderung selbst
•    Die aufgrund der Behinderung mögliche Teilhabe
•    Der Umgang der Mitmenschen mit dem behinderten Menschen und der Behinderung

Natürlich fallen diese drei Punkte je nach Behinderung völlig unterschiedlich aus. Letztlich kommt es aber immer auf das oben beschriebene Zusammenspiel aller Bedingungsfaktoren an.

Schauen wir uns diese drei Punkte im Einzelnen an:

1.    Die psychische Belastung, die von der Behinderung selbst ausgeht

Wie gut geht der schwerbehinderte Mensch mit seiner Behinderung um? Was ist ein guter Umgang mit der eigenen Behinderung? Welche Kriterien gibt es dafür?

Ein guter Umgang wäre es, zu der Behinderung "Ja" zu sagen, sie vollständig ins Leben zu integrieren und sie als etwas Normales zu empfinden. Unter Umständen kann sie sogar Ressource sein, die es erlaubt, das Selbstwertgefühl zu steigern oder Selbstbestätigung zu finden, weil bestimmte Tätigkeiten trotz Behinderung gut funktionieren oder gerade wegen ihr besonders gut gekonnt werden. Zahlreiche gute Beispiele dafür findet man z. B. im Behindertensport.

Gerade zu Beginn einer Schwerbehinderung mag das zunächst wie Hohn klingen. Dann gilt es, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und den Umgang mit der Schwerbehinderung zu erlernen, sie für sich zu akzeptieren, in das eigene Leben zu integrieren und letztendlich die Behinderung nicht mehr als Behinderung zu erfahren. Die guten Beispiele bieten sich auch als Vorbilder an und vielleicht kann man irgendwann sogar ein paar positive Seiten an der Behinderung entdecken und zwar nicht nur den Schwerbehindertenurlaub.

2.    Die psychische Belastung, die von der aufgrund der Behinderung möglichen Teilhabe ausgeht

Manche Behinderungen sind nach außen kaum sichtbar und schränken auch kaum bei der Arbeit ein. Das kann aber auch anders sein. Die Teilhabe an allen Formen des gesellschaftlichen Lebens kann erheblich eingeschränkt sein. Das liegt aber nicht nur an der Art der Behinderung sondern auch an den Barrieren, die sich einer Teilhabe in den Weg stellen. Barrierefreiheit ist daher oberstes Ziel bei der Gestaltung aller Lebensbedingungen. So will es die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und auch das gerade in seiner ersten Stufe in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz, mit dem die Bundesregierung die Vorgaben der UN-BRK im deutschen Recht umsetzen will. Das ist auch gut so, denn wir sind weit entfernt von einer barrierefreien, zugänglichen Welt. Barrieren sind psychische Belastungen, die schwerbehinderten Personen immer wieder vor Augen führen, dass sie aufgrund der Barriere etwas nicht können, was andere können. Barrieren verhindern Teilhabe. Sie werden aber erst dadurch zur Barriere, dass sie für einen konkreten schwerbehinderten Menschen zum Problem werden. Das genau ist dann der Moment, in dem die betroffene Person dazu beitragen kann, dass unsere Welt barrierefreier wird, indem sie laut und deutlich auf diese Barriere hinweist. Ansonsten werden Barrieren nicht wahrgenommen und daher auch nicht beseitigt.

3.    Die psychische Belastung, die vom Umgang der Mitmenschen mit dem Behinderten und der Behinderung ausgeht

Dies ist möglicherweise der tiefgreifendste und schwierigste Punkt. Hierzu gehört, dass behinderte Menschen ausgegrenzt werden, man sie nicht dabei haben will, sie gemobbt werden, man sich über sie lustig macht oder ihnen mit offener Aggression begegnet. Es geht aber häufig auch weniger offen zu, leiser, mit subtilen Mitteln. Oder die Diskriminierung kommt vielleicht als wirklich gut gemeinte Hilfe daher, wird aber im Ergebnis genauso empfunden, weil es dem Menschen mit Behinderung bei näherem Hinsehen zu verstehen gibt: Du bist anders. Du gehörst nicht zu uns. Du bist unbequem. Du bist lästig. Wir wollen nicht mit dir umgehen.

Menschen sind soziale Wesen. Sie haben ein Zugehörigkeitsbedürfnis. Dieses Bedürfnis zu verletzen ist hochgradige psychische Belastung, der der behinderte Mensch nur mit einem besonders stabilen Selbstwertgefühl begegnen kann.

Auf der anderen Seite wird deutlich, dass Barrieren nicht nur physikalischer Natur sind. Diese Barrieren befinden sich in unseren Köpfen, weil wir nicht wissen, wie wir mit dem anders sein umgehen können, da wir vor der Herausforderung zurückschrecken, uns auf das Ungewohnte einzulassen. Auf einmal wird offenbar, dass an dieser Stelle der Nichtbehinderte der Behinderte ist und dass noch ein weiter Weg bis zu echter Inklusion zurückzulegen ist.

Bis dahin bleibt für Menschen mit Behinderung die persönliche Bewältigungsstrategie die einzige Ressource in allen drei vorgestellten Belastungspunkten. Aber vielleicht könnten Sie ja mit gutem Beispiel auf Nichtbehinderte zugehen und sie den Umgang mit Behinderungen lehren.

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