von: Sybille Wasmund, Ass. jur
Die Fehlzeiten in deutschen Betrieben stehen derzeit stark in der Kritik. Politik und Wirtschaft sprechen von Rekordwerten und fordern Gegenmaßnahmen. Ein Blick auf die Fakten zeigt jedoch: Viele Erklärungen greifen zu kurz oder sind nur eingeschränkt belastbar.
Nach OECD-Daten lag Deutschland 2022 mit durchschnittlich 24,9 Krankheitstagen pro Beschäftigtem im internationalen Vergleich an der Spitze. Dieser Befund wirkt alarmierend, ist jedoch nur eingeschränkt vergleichbar. Die Erhebungsmethoden unterscheiden sich erheblich: Während in Deutschland dank elektronischer Meldeverfahren nahezu alle Fehltage ab dem ersten Krankheitstag erfasst werden, beruhen die Daten vieler anderer Länder auf Schätzungen oder unvollständigen Meldungen.
Zudem wird der Begriff „Fehlzeiten“ international unterschiedlich definiert. In Deutschland zählen auch Rehabilitationsmaßnahmen oder Krankheitszeiten wegen erkrankter Kinder dazu, während in anderen Ländern Krankheitstage ohne Lohnfortzahlung häufig gar nicht erfasst werden. Ein direkter Vergleich verzerrt daher das Bild.
Auswertungen großer Krankenkassen zeigen, dass der Anteil telefonischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen stets unter zwei Prozent lag. Hinweise auf systematischen Missbrauch oder einen relevanten Einfluss auf den Krankenstand gibt es nicht. Der Anstieg der Fehlzeiten erklärt sich plausibler durch bessere Datenerfassung, pandemiebedingte Effekte und ein verändertes Gesundheitsbewusstsein.
Zwar zeigen einzelne Studien, dass Kürzungen der Lohnfortzahlung kurzfristig zu sinkenden Fehlzeiten führen können. Internationale Vergleiche zeichnen jedoch ein widersprüchliches Bild: Länder mit vergleichbar großzügiger Lohnfortzahlung wie Luxemburg, Dänemark oder Österreich weisen niedrige krankheitsbedingte Ausfälle auf, während Staaten mit Einschränkungen teils höhere Werte erreichen.
Ein unbezahlter erster Krankheitstag könnte zwar kurzfristig Kosten senken, birgt jedoch Risiken. Beschäftigte könnten trotz Krankheit zur Arbeit gehen, was Genesungsprozesse verzögert und das Ansteckungsrisiko im Betrieb erhöht.
Als vielversprechender Ansatz gilt die Teilkrankschreibung. In anderen europäischen Ländern trägt sie dazu bei, Ausfallzeiten zu verkürzen und Wiedereingliederungen zu erleichtern. Auch deutsche Expertengremien empfehlen, dieses Instrument stärker zu nutzen. Teilkrankschreibungen können Fehlzeiten reduzieren, ohne zusätzlichen Druck auf erkrankte Beschäftigte auszuüben.
Die Fehlzeitendebatte ist komplexer, als sie häufig dargestellt wird. Für Betriebsräte ist entscheidend, auf Differenzierung zu bestehen: Nachhaltige Lösungen liegen nicht in Sanktionen, sondern in Prävention, guten Arbeitsbedingungen und flexiblen gesundheitsorientierten Modellen.