von: Paulina Juszczyk, M.A. Erziehungswissenschaft
Die Pflege steht unter massivem Druck. Schon heute fehlen Fachkräfte und die Prognosen verschärfen die Lage weiter: Laut Statistischem Bundesamt steigt der Bedarf bis 2049 um rund ein Drittel auf 2,15 Millionen Pflegekräfte. Gleichzeitig könnte eine Lücke von 280.000 bis 690.000 Fachkräften entstehen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Warum verlassen so viele Pflegekräfte ihren Beruf und was hält sie?
Eine aktuelle Studie von Toscano et al. (2025) rückt dabei einen Faktor in den Mittelpunkt, der in der Debatte häufig unterschätzt wird: wahrgenommene Dankbarkeit.
Pflege ist körperlich fordernd und emotional anspruchsvoll. Wer täglich mit Krankheit, Leid und Zeitdruck konfrontiert ist, braucht stabile Ressourcen.
Ein entscheidender Faktor für Kündigungsabsichten ist emotionale Erschöpfung: das Gefühl, dauerhaft ausgelaugt und innerlich leer zu sein. Sie gilt als eine der stärksten Vorstufen tatsächlicher Kündigungen.
Hohe Fluktuation ist dabei nicht nur ein Kostenfaktor für Einrichtungen. Sie wirkt sich auch unmittelbar auf Versorgungsqualität und Patient*innensicherheit aus.
Viele Pflegekräfte entscheiden sich bewusst für ihren Beruf, weil sie helfen wollen. Diese sogenannte prosoziale Orientierung, also die Motivation, einen positiven Beitrag für andere zu leisten, wirkt grundsätzlich stabilisierend.
Die Studie zeigt: Je stärker Pflegekräfte ihre Arbeit als sinnvoll erleben, desto geringer sind emotionale Erschöpfung und Kündigungsabsicht.
Doch dieser Effekt ist nicht automatisch gegeben.
Für die Untersuchung wurden 162 Pflegekräfte aus öffentlichen italienischen Krankenhäusern befragt. Das Durchschnittsalter lag bei 43,7 Jahren, 78 % der Teilnehmenden waren Frauen.
Erfasst wurden Kündigungsabsicht, emotionale Erschöpfung, prosoziale Orientierung und die wahrgenommene Dankbarkeit von Patient*innen.
Das Ergebnis ist deutlich:
Der schützende Effekt von Sinn und Hilfsbereitschaft zeigte sich vor allem dann, wenn Pflegekräfte hohe Dankbarkeit erlebten. Wurde wenig Dankbarkeit wahrgenommen, verschwand der positive Einfluss der prosozialen Orientierung auf die Kündigungsabsicht.
Anders formuliert: Wer helfen will, bleibt eher, wenn dieses Engagement auch anerkannt wird. Bleibt diese Rückmeldung aus, steigt das Risiko innerer und tatsächlicher Kündigung.
Die Autor*innen betonen ausdrücklich: Dankbarkeit allein löst die strukturellen Probleme der Pflege nicht.
Zeitdruck, Überstunden, Schichtarbeit, Personalmangel und unzureichende Bezahlung bleiben zentrale Kündigungsgründe. Eine Studie des Bundesministeriums für Gesundheit (2023) zeigt, was Pflegekräfte konkret fordern: angemessene Vergütung, mehr Personal, verlässliche Dienstpläne, Unterstützung bei Kinderbetreuung, digitale Entlastung und ein respektvolles Arbeitsklima.
Dankbarkeit kann emotionale Belastung abpuffern, sie ersetzt jedoch keine besseren Rahmenbedingungen.
Die Autor*innen schlagen mehrere Ansatzpunkte vor:
Gleichzeitig weisen sie auf die Grenzen der Studie hin: Es handelt sich um eine Querschnittserhebung in Italien. Kausale Aussagen sind daher nicht möglich und weitere Einflussfaktoren wie das Betriebsklima wurden nicht umfassend berücksichtigt.
Der Bedarf an Pflegekräften wächst massiv, gleichzeitig bleibt die Kündigungsneigung hoch. Die Studie macht deutlich: Prosoziale Motivation wirkt stabilisierend, aber nur dann, wenn sie auf erlebte Dankbarkeit trifft.
Fehlt diese Anerkennung, steigt das Risiko emotionaler Erschöpfung und damit auch die Kündigungsabsicht.
Neben strukturellen Verbesserungen entscheidet also auch die erlebte Wertschätzung im Arbeitsalltag mit darüber, ob Pflegekräfte bleiben oder gehen.