KI als „Kummerkasten“ – Risiko für Azubis?

Autorin: Paulina Juszczyk, M.A. Erziehungswissenschaft, Mediatorin 

Ob Stress in der Ausbildung, Konflikte im Freundeskreis oder persönliche Krisen: Immer mehr junge Menschen sprechen über ihre Sorgen nicht mehr zuerst mit anderen Menschen, sondern mit Künstlicher Intelligenz (KI).

Eine im April 2026 veröffentlichte repräsentative Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention unter 2.500 Personen zwischen 16 und 39 Jahren zeigt: Knapp zwei Drittel (65 %) haben schon einmal mit einer KI wie mit vertrauensvollen Freund*innen oder Therapeut*innen über eigene psychische Probleme gesprochen. 35 % der jüngeren Menschen mit Depression sprechen mit KI über ihre Erkrankung, 10 % sogar in längeren, dialogischen Gesprächen, ähnlich wie mit einem menschlichen Gegenüber. Am häufigsten genutzt wurden dabei ChatGPT (77 %), Gemini (14 %) und Microsoft Copilot (4 %).

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Warum junge Menschen KI bei Depression nutzen

Zwischen positiven Erfahrungen und Risiken

Warum das Thema gerade für Auszubildende wichtig ist

Die Rolle der JAV: Vertrauen schaffen und Orientierung geben

Fazit

 

Warum junge Menschen KI bei Depression nutzen

Mehr als die Hälfte der jüngeren Erkrankten (56 %) möchte einfach mit jemandem über Probleme im Zusammenhang mit der Depression sprechen. 46 % hoffen, ihre Erkrankung dadurch selbst besser in den Griff zu bekommen. 41 % suchen Aufmunterung und Zuspruch. 40 % informieren sich mithilfe von KI über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten.

Viele erleben diese Gespräche positiv: 85 % der Nutzer*innen mit Depression beschreiben die Gespräche mit KI-Chatbots als hilfreich. Die KI wird von 92 % als verständnisvoll und von 89 % als respektvoll erlebt. 75 % gingen gestärkt aus dem Gespräch heraus, 65 % empfanden im Dialog mit der KI sogar so etwas wie Nähe. Unter den KI-Nutzer*innen, die bereits eine professionelle Psychotherapie erhalten haben, bewerten 65 % ihre Erfahrungen mit KI als besser oder genauso gut.

Zwischen positiven Erfahrungen und Risiken

Psycholog*innen betonen: KI kann dabei helfen, Gedanken zu sortieren oder erste Impulse zu geben, sie ist aber kein Ersatz für echte zwischenmenschliche Unterstützung oder professionelle Hilfe.

Denn trotz positiver Erfahrungen bleibt ein zentrales Problem: KI kann keine echte emotionale Beziehung aufbauen. Sie erkennt keine nonverbalen Signale, kann keine individuelle Lebenssituation vollständig erfassen und reagiert auf Basis von Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Basis echter Empathie oder Verantwortung.

Hinzu kommt:

  • KI kann falsche oder unpassende Ratschläge geben,
  • sie erkennt Krisensituationen nicht zuverlässig
  • und sie kann problematische Denkmuster sogar verstärken,

57 % der befragten Nutzer*innen mit Depression empfanden es als bedrückend, sich mit einem Computerprogramm zu unterhalten. 53 % hatten nach der Nutzung verstärkt Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid. 62 % der Nutzer*innen mit Depression waren der Meinung, die KI habe bei ihnen den Gang zu einem Arzt bzw. einer Ärztin oder zu einem Psychotherapeuten bzw. einer Psychotherapeutin überflüssig gemacht.

Fachleute warnen deshalb: KI ersetzt weder professionelle Diagnostik noch eine leitliniengerechte Behandlung. Depression ist eine schwere, teils lebensbedrohliche Erkrankung. Betroffene sollten sich weiterhin an Hausärzte und Hausärztinnen, Psychiater*innen oder Psychologische Psychotherapeut*innen wenden.

Gleichzeitig gilt: Digitale Angebote können sinnvoll sein, wenn sie geprüft sind und verantwortungsvoll eingesetzt werden. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe empfiehlt dafür zugelassene Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA, „Apps auf Rezept“) sowie das kostenfreie begleitete Onlineprogramm iFightDepression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Warum das Thema gerade für Auszubildende wichtig ist

Die Ausbildungszeit ist eine prägende Phase und oft auch belastend. Viele Auszubildende stehen unter Druck: neue Anforderungen, Erwartungen im Betrieb, Prüfungen oder Unsicherheiten im sozialen Umfeld.

Dazu kommen mögliche Konflikte wie:

  • Probleme mit Ausbilder*innen oder Kolleg*innen
  • Überforderung oder Leistungsdruck
  • Mobbing oder Ausgrenzung

Wenn sich Auszubildende in solchen Situationen eher an eine KI als an eine Vertrauensperson wenden, kann das ein Hinweis darauf sein, dass im Betrieb wichtige Unterstützungsstrukturen fehlen oder nicht wahrgenommen werden.

Die Rolle der JAV: Vertrauen schaffen und Orientierung geben

Für die Jugend- und Auszubildendenvertretung ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: ansprechbar sein, Vertrauen aufbauen und Orientierung geben.

Konkret bedeutet das:

  • eine offene Gesprächskultur fördern
  • aktiv auf Auszubildende zugehen
  • Hemmschwellen abbauen („Du kannst jederzeit zu uns kommen.“)
  • über interne und externe Hilfsangebote informieren
  • deutlich machen, dass professionelle Hilfe wichtig und normal ist

Wichtig ist: KI kann ein niedrigschwelliger Einstieg sein, sie darf aber nicht die einzige Anlaufstelle bleiben.

Fazit

KI kann eine erste Hilfe sein, aber keine echte Lösung. Gerade bei psychischen Belastungen braucht es echte Gespräche, echte Unterstützung und klare Strukturen im Betrieb.

Als JAV könnt ihr genau dazu beitragen: durch ein offenes Ohr, Orientierung und konkrete Hilfe, damit Auszubildende mit ihren Problemen nicht allein bleiben und neben digitalen Angeboten auch echte Unterstützung erfahren.

Seminare für die JAV