GPT und Co – KI in der BR-Arbeit

Autor: Max Thomsen, Technischer Sachverständiger für IT-Mitbestimmung und Datenschutz

1. KI als Werkzeug für die Mitbestimmung

Stellen Sie sich vor, Sie könnten in wenigen Minuten eine solide Stellungnahme zur Einführung eines KI-Systems verfassen, Verhandlungsargumente zuspitzen oder einen Newsletter für die Belegschaft erstellen – von der Idee zum fertigen Text ohne langes Ausformulieren. Genau dabei kann KI unterstützen: als leistungsfähiger Assistent in der BR-Arbeit.

Generative KI-Tools wie ChatGPT, Perplexity oder NotebookLM beschleunigen Wissensrecherche, Textentwürfe und strategische Vorbereitung, etwa bei der Analyse von Betriebsvereinbarungen oder komplexen Rechtsfragen zu BetrVG, DSGVO und KI-Systemen. Sie eröffnen Chancen für effizientere Gremienarbeit, bessere Vorbereitung von Verhandlungen und professionelle Kommunikation.

Zugleich bringen KI-Systeme Risiken mit sich: Datenschutzfragen, mögliche Überwachung, Intransparenz von Algorithmen sowie „Halluzinationen“ – also falsche oder erfundene Inhalte. Der Betriebsrat ist daher doppelt gefordert: als Nutzer solcher Werkzeuge und als Kontrollinstanz beim KI-Einsatz im Betrieb.

 

2. Vom Prompt zur Praxis: Wie Betriebsräte mit KI arbeiten können

Prompting bezeichnet die gezielte Formulierung von Anfragen oder Anweisungen an KI-Tools, um präzise und relevante Antworten zu erhalten. Entscheidend sind ein klar formuliertes Ziel, ausreichend Kontext und eine passende Rollenbeschreibung für die KI.

Statt den ersten Vorschlag zu akzeptieren, lohnt sich die schrittweise Verfeinerung – etwa mit Anweisungen wie: „Kürzen Sie den Text um 30%“, „Formulieren Sie freundlicher“ oder „Schreiben Sie für gewerbliche Mitarbeitende in der Logistik“. So entsteht aus einem Rohentwurf ein Text, der wirklich zur Zielgruppe, zum Format und zur BR-Strategie passt.

Auch für Verhandlungen und Texte zu Betriebsvereinbarungen kann KI sehr gezielt unterstützen, zum Beispiel mit:

  • „Erstelle einen kurzen Informationstext für Beschäftigte zur neuen Betriebsvereinbarung ‚Flexible Arbeitszeit‘. Berücksichtige: Kernarbeitszeit 10–15 Uhr, Gleitzeit 6–20 Uhr, Mindestarbeitszeit 6 Stunden. Ton: sachlich, gut verständlich.“

 

Oder:

  • „Du bist ein erfahrener Arbeitsrechtler auf Seiten des Betriebsrats. Analysiere den folgenden Entwurf einer Betriebsvereinbarung ‚Mobiles Arbeiten‘. Identifiziere rechtliche Schwachstellen, unklare Formulierungen und mögliche Nachteile für Beschäftigte und schlage Verbesserungen zu Arbeitszeit, Erreichbarkeit, Datenschutz und Arbeitsschutz vor: [Muster-Entwurf einfügen].“

 

3. Anwendungsbeispiele aus der Praxis

Wenn grundlegende Prompt-Regeln beachtet werden, können KI-Tools die Arbeit von Betriebsräten in vielen Bereichen sinnvoll unterstützen.

Typische Einsatzfelder sind etwa:

  • Wissensarbeit: Zusammenfassungen von Urteilen, Kommentaren und Fachartikeln, z. B. zur Mitbestimmung bei KI-Systemen oder neuen HR-Tools.
  • Kommunikation: Entwürfe für Aushänge, Newsletter, Intranet-Beiträge oder Reden auf Betriebsversammlungen.
  • Gremienarbeit und Dokumentation: Strukturierung von Sitzungsprotokollen, Ableitung von Aufgabenlisten aus Notizen, Erstellung von Beschlussentwürfen und Jahresarbeitsplänen des Gremiums.​
  • Strategie und Mitbestimmung: Vorbereitung von Fragenkatalogen und Argumentationspapieren zu KI-Projekten, Rahmen-Betriebsvereinbarungen und Auswahlrichtlinien.
  • Teamentwicklung: Unterstützung bei der Planung und Durchführung von BR-Klausuren (Zielklärung, Rollen im Gremium, Teamregeln)

 

4. Ein BR-KI-Workflow am Beispiel „Start in die neue Amtszeit“

Zu Beginn einer neuen Amtszeit stellt sich für jedes Gremium die Frage: Welche Ziele setzen wir uns, wie organisieren wir unsere Arbeit und wie machen wir sie im Betrieb sichtbar? Ein strukturierter KI-Workflow, bei dem verschiedene KI-Tools sinnvoll ineinandergreifen,  kann Sie dabei von der ersten Ideensammlung bis zur fertigen Präsentation unterstützen – typischerweise in drei klar gegliederten Phasen.

 

Phase 1: Recherche

Zu Beginn einer neuen Amtszeit geht es um Orientierung: Welche rechtlichen, betrieblichen und strategischen Rahmenbedingungen sind relevant? KI-Tools wie Perplexity, ChatGPT oder Gemini durchsuchen das Web und liefern Antworten mit Quellen, etwa zu aktuellen Urteilen, Best-Practice-Regelungen zur mobilen Arbeit oder Mustervorlagen für Betriebsvereinbarungen. Wichtig ist die Qualitätsprüfung: nur seriöse Quellen nutzen und Datum sowie Kontext prüfen. Ergänzend werden interne Dokumente (bestehende BV, Strategiepapiere, Protokolle) einbezogen – unter strikter Beachtung des Datenschutzes.

 

Phase 2: Strukturierung

Im zweiten Schritt werden die gesammelten Informationen sortiert, verdichtet und auf Ihren Betrieb zugeschnitten. Eigene Quellen (PDFs, Protokolle, Richtlinien) können in spezialisierte Tools wie NotebookLM eingebunden werden, sodass Antworten stärker auf Ihren Dokumenten basieren und „Halluzinationen“ reduziert werden. Daraus entstehen zum Beispiel FAQs für Beschäftigte, Briefing-Unterlagen für den Betriebsrat oder Argumentationspapiere für Verhandlungen.

 

Phase 3: Darstellung

Zum Schluss werden die Inhalte so aufbereitet, dass sie sich gut präsentieren und kommunizieren lassen. Werkzeuge wie Gamma erstellen aus einem Text-Prompt oder einer Gliederung weitgehend vollständige Präsentationen – ideal für die erste Betriebsversammlung in der neuen Amtszeit. Text-zu-Bild- oder Text-zu-Video-Funktionen können unterstützend genutzt werden, etwa für Symbolbilder zu KI, Mitbestimmung oder Arbeitsschutz.

Ein Beispiel-Prompt: „Erstelle auf Basis dieser Gliederung eine Präsentation für die erste Betriebsversammlung in der neuen Amtszeit. Zielgruppe: Beschäftigte aller Bereiche. Ton: verständlich, motivierend, nicht juristisch. Gliederung: [Text einfügen].“

 

5. Datenschutz, Ethik und Governance

Sicherheit und Rechte der Beschäftigten haben Vorrang vor Geschwindigkeit und Bequemlichkeit. Geben Sie niemals personenbezogene Daten oder Geschäftsgeheimnisse in frei zugängliche, öffentliche KI-Modelle ein. Bevorzugen Sie Unternehmenslösungen mit klaren Datenschutzgarantien und vertraglicher Absicherung. Kennzeichnen Sie KI-Unterstützung („Mit Unterstützung von KI „XY“ erstellt, fachlich geprüft durch den Betriebsrat“) und prüfen Sie zentrale Fakten wie Paragraphen, Urteile oder Eckdaten immer gewissenhaft.

 

6. Fazit: KI als Assistent des Betriebsrats

KI ersetzt keinen Betriebsrat – und sie sollte das auch nicht. Richtig eingesetzt, macht sie gute BR-Arbeit schneller, präzise und sichtbar, indem sie bei Recherche, Strukturierung, Formulierung und Visualisierung unterstützt. Ein guter Einstieg ist ein kleiner Use Case, etwa: „Optimiere diese Einladung zur Betriebsversammlung – freundlicher Ton, klare Agenda, maximal 150 Wörter.“ So sammeln Sie Erfahrungen und bauen Schritt für Schritt KI-Kompetenz im Gremium auf.