Strategische Personalplanung im digitalen Wandel Warum Betriebsräte heute stärker nach vorne denken müssen

Autor: Nicole Freckmann, Trainerin, Organisationsberaterin, Coach

Wenn Algorithmen Personalentscheidungen vorbereiten

Stellen Sie sich vor: Eine Software analysiert Qualifikationen, berechnet Personalbedarfe und schlägt vor, welche Beschäftigten künftig welche Aufgaben übernehmen sollen. Gleichzeitig fordert die Unternehmensstrategie neue Kompetenzen im Bereich Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Für viele Unternehmen ist dieses Szenario längst Realität.

Die Arbeitswelt verändert sich derzeit rasant. Digitale Technologien, künstliche Intelligenz und neue Anforderungen an nachhaltiges Wirtschaften verändern Geschäftsmodelle, Arbeitsprozesse und Tätigkeitsprofile. Studien zeigen, dass Digitalisierung weniger ganze Berufe ersetzt, sondern vor allem Tätigkeiten verändert – und damit neue Kompetenzanforderungen entstehen (Dengler & Matthes 2021).

Für Unternehmen stellt sich deshalb eine zentrale Frage: Welche Kompetenzen werden künftig benötigt – und wie können Beschäftigte darauf vorbereitet werden? Genau hier setzt strategische Personalplanung an. Und genau hier entsteht auch ein wichtiges Handlungsfeld für Betriebsräte.

 

Digitalisierung und KI – neue Herausforderungen für Mitbestimmung

Digitale Technologien verändern nicht nur Arbeitsprozesse, sondern zunehmend auch betriebliche Entscheidungsstrukturen. KI-Systeme können etwa bei der Personaleinsatzplanung, bei Bewerbungsverfahren oder bei Leistungsbewertungen eingesetzt werden.

Damit entstehen neue Fragen für die betriebliche Mitbestimmung:

  • Wie transparent sind algorithmische Entscheidungen?
  • Welche Daten werden erhoben und wie werden sie genutzt?
  • Welche Auswirkungen haben digitale Systeme auf Arbeitsbelastung und Arbeitsorganisation?
  • Wie kann verhindert werden, dass automatisierte Systeme zu intransparenten Leistungsbewertungen führen?

Gerade beim Einsatz von KI-Systemen spielen Betriebsvereinbarungen eine wichtige Rolle. Sie können beispielsweise Regelungen zu Transparenz, Datenschutz, Mitbestimmung bei algorithmischen Entscheidungen oder zur Nutzung von Beschäftigtendaten enthalten. Damit wird sichergestellt, dass technologische Innovationen nicht ausschließlich unter Effizienzgesichtspunkten umgesetzt werden, sondern auch die Interessen der Beschäftigten berücksichtigen.

 

Nachhaltigkeit verändert Organisationen

Neben Digitalisierung wird auch Nachhaltigkeit zu einem zentralen strategischen Thema vieler Unternehmen. Immer mehr Organisationen entwickeln Nachhaltigkeitsstrategien oder orientieren sich an internationalen Leitlinien wie den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals).

Dabei geht es nicht nur um ökologische Fragen. Nachhaltigkeit umfasst auch soziale Aspekte – etwa faire Arbeitsbedingungen, verantwortliche Lieferketten oder die Einhaltung von Menschenrechten entlang globaler Wertschöpfungsketten.

Für Unternehmen bedeutet dies häufig:

  • neue Kompetenzen im Bereich nachhaltiger Produktion oder Dienstleistungen aufzubauen,
  • Organisationsstrukturen anzupassen,
  • Arbeitsprozesse neu zu gestalten.

Diese Veränderungen wirken sich direkt auf Personalplanung und Qualifizierungsstrategien aus. Forschung zur betrieblichen Transformation zeigt, dass Veränderungsprozesse besonders erfolgreich verlaufen, wenn Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen frühzeitig beteiligt werden (Ahlers & Mierich 2021).

 

Strategische Personalplanung als Feld der Mitbestimmung

Strategische Personalplanung bedeutet, zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu analysieren und Personalmaßnahmen langfristig auszurichten. Dabei geht es beispielsweise um Fragen der Qualifizierung, Kompetenzentwicklung und Beschäftigungssicherung.

Auch rechtlich ist Personalplanung ein wichtiges Thema der Mitbestimmung. Nach § 92 Betriebsverfassungsgesetz muss der Arbeitgeber den Betriebsrat über die Personalplanung informieren und mit ihm über deren Auswirkungen beraten. Der Betriebsrat kann darüber hinaus eigene Vorschläge zur Personalplanung einbringen.

Darüber hinaus bestehen Mitbestimmungsrechte bei Fragen der Qualifizierung und Weiterbildung (§ 96–98 BetrVG). Gerade im Kontext digitaler Transformation wird Weiterbildung zu einem zentralen Instrument, um Beschäftigte auf neue Anforderungen vorzubereiten.

Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung zeigen, dass Betriebsräte eine wichtige Rolle dabei spielen können, Transformationsprozesse sozialverträglich zu gestalten und Beschäftigungsperspektiven zu sichern (Hans-Böckler-Stiftung 2022).

Strategische Personalplanung verbindet damit mehrere zentrale Themen der Mitbestimmung: technologische Entwicklung, Qualifizierung und langfristige Beschäftigungssicherung.

 

Praxisimpulse für Betriebsräte

Für Betriebsräte kann es hilfreich sein, Personalplanung stärker als langfristiges Gestaltungsfeld zu betrachten. Dabei können beispielsweise folgende Fragen eine Orientierung bieten:

  • Welche Tätigkeiten verändern sich durch Digitalisierung und KI im Betrieb?
  • Welche Kompetenzen werden zukünftig benötigt?
  • Welche Qualifizierungsstrategien existieren im Unternehmen?
  • Wie werden Nachhaltigkeitsziele in betriebliche Strategien integriert?
  • Welche Betriebsvereinbarungen sind beim Einsatz digitaler Technologien sinnvoll?

Solche Fragen können helfen, Transformation nicht nur zu begleiten, sondern aktiv mitzugestalten.

 

Ausblick

Der digitale und nachhaltige Wandel wird die Arbeitswelt auch in den kommenden Jahren prägen. Strategische Personalplanung kann dazu beitragen, diese Veränderungen frühzeitig zu erkennen und verantwortungsvoll zu gestalten.

Für Betriebsräte eröffnet sich damit ein wichtiges Handlungsfeld der Mitbestimmung: Sie können dazu beitragen, dass technologische Innovationen, Qualifizierung und gute Arbeitsbedingungen gemeinsam gedacht werden.

Wie strategische Personalplanung konkret gestaltet werden kann und welche Handlungsmöglichkeiten sich für Betriebsräte ergeben, wird im Rahmen der auf dieser Seite hervorgehobenen Veranstaltungen näher beleuchtet.